Das benutzte Geschlecht
Das benutzte Geschlecht

Das benutzte Geschlecht

Auf Netflix gibt es eine neue Serie. Das ist erstmal nichts Neues. Was neu ist: Die Serie “Sexify” dreht sich um den weiblichen Orgasmus. Allein, dass sich Netflix das zum Thema gemacht hat, zeigt: Weibliche Lust wurde jahrhundertelang totgeschwiegen, der Orgasmus von Frauen ist kaum Thema. Gerade nicht in der Porno-Industrie, wo man ihn am meisten erwarten würde. Doch das soll sich ändern.

Auf herkömmlichen Porno-Streamingdiensten spielen Frauen zwar die elementare Rolle in den Videos, aber um ihre Wünsche und Bedürfnisse geht es nicht. Stattdessen gibt es Videos, in denen Frauen für den Sex benutzt, bespuckt, genötigt und sogar vor laufender Kamera vergewaltigt werden – natürlich alles kostenlos und in voller Länge verfügbar. Ob die Darstellerinnen fair entlohnt wurden, ob sie mit den Handlungen überhaupt einverstanden waren – das lässt sich in Frage stellen. Was aber klar ist: Videos, in denen Frauen offensichtlich missbraucht werden, zwar laut stöhnen, aber keine echte Lust empfinden, sind wenig lustfördernd, da das Gesagte und Getane nicht den eigenen Werten entsprechen. 

Rassistische Sterotype & High Heels

Dass die Pornoindustrie antifeministisch und queerfeindlich ist – das ist nichts Neues. Die Bewegung für feministische Pornos und gegen Mainstream-Pornografie geht bis in die Siebziger Jahre zurück, in denen Aktivist*innen aus den USA Mainstream Pornos stark kritisierten und auch als Grund für Vergehen an Frauen betitelten: Der Spruch “Porn is the theory, rape is the practice” bringt diesen Vorwurf prägnant zum Ausdruck.

Denn Mainstream-Pornos, die es auch heute noch zur Genüge gibt, erzeugen ein Bild von hartem, männlich dominierten Sex und erschaffen dabei eine unrealistische Vorstellung von Sexualität. Das schadet allen Geschlechtern und verkörpert ein Bild von heteronormativen, penetrativen Sex, bei dem alle Beteiligten gleichermaßen befriedigt werden. Es ist nicht normal, dass Frauen mehrmals hintereinander kommen, dass sie High Heels oder verrückte Kostüme tragen oder total offen zu einem Dreier mit einer Freundin sind. Auch exorbitant große Brüste, schmale Taillen oder überdurchschnittlich große Penise werden als völlig normal verkauft. Alles, was dem nicht gleichkommt, gilt auf Seiten wie diesen als “Fetisch” oder “abnormal”.

Ein Beispiel: Wenn “Asian Girl” auf Pornoseiten eine eigene Kategorie ist, ebenso wie “Interracial Porn”. Also Kategorien, in denen rassistische wie sexistische Stereotype reproduziert werden. Auch problematisch: Wenn zu keinem Zeitpunkt klar ist, dass der Geschlechtsverkehr einvernehmlich ist. Frauen sind entweder Objekt oder Opfer. Das Problem ist eindeutig. Aber was ist die Lösung?

Foto: Julia Bachmann

Lust im Kopf

Pornografische Inhalte müssen nicht immer erniedrigend für Frauen sein. Die Autorin und Regisseurin feministischer Porno-Filme Erika Lust, schreibt in ihrem 2008 erschienen Buch: “Im Fall der Pornografie ist es [das Thema] der Sex, und alles, was ein Thema hat, lässt sich auch aus feministischer Sicht betrachten.” Das zeigen die feministischen Pornos von Erika Lust, Anna Span, des Arthouse Vienna oder auch die immer stärker auf dem Markt florierende Audio-Erotik. Diese Porno-Angebote sind feministisch, lgbtqi+ freundlich, gegen die Hierarchisierung der Geschlechter und zeigen sexuelle Lust, die nicht von Heteronormativität geprägt ist. Meist sind sie von Frauen entwickelt und verbergen sich hinter Paywalls auf eigenen Websiten.

Erste Zahlen gibt es schon, beispielsweise von dem deutschen feministischen Start-Up Femtasy. Bisher gibt es etwa 1.500 Aufnahmen auf ihrer Plattform, wovon über 200 bewusst für die LGBTQ*-Community angedacht sind. Laut einer Pressemitteilung ist eine der meist gewählten Fantasien auf der auditiven Plattform femtasy „Dominanz“. 

Die Marktstudie von femtasy mit 1.500 Teilnehmerinnen ergab: Zwei Drittel der Frauen empfinden die herkömmlichen Pornostreaming-Dienste als nicht stimulierend bis abstoßend. Weitere Studien zeigen: Weibliche Erregung funktioniert viel mehr durch die eigene Vorstellungskraft als durch visuelle Reize. “Man merkt stark, dass diese Art von Erotik stark auf die Bedürfnisse der Frau ausgelegt sind, anders als bei allseits bekannten Pornos. Hier geht es nicht um Männerfantasien, sondern um unsere eigene: Audioerotik überlässt alles der eigenen Fantasie.” so eine 22-jährige Studentin aus Halle (Saale), welche Audio-Erotik mehrere Monate getestet hat. Diese Art von Pornokonsum habe ihre Sexualität gestärkt und ihren Höhepunkt intensiviert. “Durch authentische Erzählungen ist diese Art von Porno viel realitätsnaher. Man bekommt nicht alles wie in Filmen präsentiert, sondern muss die eigene Vorstellung gebrauchen.” Bereit, Geld dafür zu zahlen, ist sie aber nicht: “So viel geben mir die Pornos nicht, dass ich als Studentin dafür Geld ausgeben kann und möchte.” 

Maxi Köhler, Studentin aus Kiel, hat ähnliche Erfahrungen mit Audio-Erotik gemacht: “Ich konnte lange nichts mit Pornografie anfangen, weil sie mir weder gefallen, noch erregt hat. Audio-Erotik finde ich hingegen richtig gut. Sie unterscheidet sich, dadurch, dass man sich die Handlung vorstellt – sie findet in der eigenen Fantasie statt. Ich bin auch bereit, Geld dafür auszugeben, weil ich ein feministisches Start-Up unterstützen möchte und weil es mir das wert ist.”

Das Feminist (oder Ethical) Porn Movement, zu denen auch Start-Ups wie diese gehören, zeigt: Es geht auch anders. Faire Bezahlung, menschenwürdige Behandlung vor und hinter der Kamera, die Achtung von Grenzen. Zu sehen und zu hören sind echte weibliche Lust, queere Menschen und die verschiedensten Körper. Sie sorgen mitunter für die Enttabuisierung der weiblichen Lust, indem sie dieser gezielt eine Plattform geben. Das heißt aber auch, dafür zahlen zu wollen, kostenlos gibt es diese hochwertigen Produkte nämlich nicht.

Dieser Artikel ist für die dritte Ausgabe des OLDSCHOOL Magazins verfasst worden und wurde dort am 10.06.2021 erstveröffentlicht. Alle Rechte bei den Fotos liegen bei Julia Bachmann.

 

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