Warum wir das Gendern brauchen
Warum wir das Gendern brauchen

Warum wir das Gendern brauchen

Gendern ist politisch. Es ist eine politische Frage, ob man Frauen und andere marginalisierte Gruppen nur gedanklich “mit meint” oder auch wirklich sprachlich sichtbar macht. Es ist eine Frage von Macht und Gerechtigkeit.

Geschlechter sind sehr präsent in der deutschen Sprache, beispielsweise durch Artikel und Berufsbezeichnungen. Das ist sicherlich keine neue Information, aber eine wichtige. Studien belegen, dass die Nennung mehrerer Geschlechter bei Berufsbezeichnungen positive Auswirkungen auf das Selbstbild und -bewusstsein von Heranwachsenden bei der Berufsentscheidung hat. Wenn kenntlich gemacht wird, dass sowohl weibliche als auch männliche sowie diverse Personen einen bestimmten Beruf erlernen, nimmt es bei vielen sicher die Hemmschwelle und verdeutlicht, dass Berufe unabhängig vom Geschlecht ausgeübt werden können. Psychologin Bettina Hannover in ihrer Studie “Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy.” von 2015 (!) genau das belegt.

Das funktioniert natürlich auch umgekehrt, hier ein paar Beispiele Pflegerin, Hebamme, Krankenschwester. In jedem Fall sind diese Berufsbezeichnungen mit gesellschaftlichen Stereotypen verbunden, die gefährlich sind: Die Frau als hilfsbereite Pflegekraft, der starke Mann als Feuerwehrmann, der Menschen durch seine physische Kraft rettet. Gendergerechte oder -neutrale Sprache ist geradezu essentiell, um die historisch und traditionell gewachsenen Rollenbilder von Mann und Frau zu bekämpfen. Gleichberechtigung heißt nicht nur gleiche Chancen haben, sondern auch frei sein von Vorstellungen und Idealen, die Zwang und Anpassung vorschreiben.

Wenn die Angst verstummen lässt

Was hindert uns aber am Gendern? Ist es wirklich nur die Frage der Umgewöhnung? Eines der Hauptargumente von Gender-Gegner:innen – was hier bewusst gegendert wurde, ist, dass das generische Maskulinum, also das grammatikale Geschlecht des Wortes unnötigerweise sexualisiert wird. Außerdem: Dass Frauen und alle anderen Geschlechter, deren Existenz Gegner:innen aber meist anzweifeln, mitgemeint wären.

Darüber würde ich lachen, wenn es nicht so ernst wäre. Aussagen wie diese widersprechen soziolinguistischen Theorien. Mehrere Sprachtheorien beschreiben das Phänomen “Sprache erzeugt Bilder.” so wie die Ferdinands de Saussure. Welche Assoziation wird hervorgerufen, wenn die Rede von einem “Arzt” ist? Vor unserem inneren Auge sehen wir einen männlichen Arzt, keine weibliche Ärztin. Tell me wrong, falls ihr euch was anderes vorstellt. Denn genau darum geht es: Welche Assoziationen erzeugen die Begriffe? Und: welche nicht?

Ansprechen und sich angesprochen fühlen sind allerdings zwei verschiedene Dinge. Oftmals kommt auch der Kommentar von weiblichen Personen, dass sie sich ja angesprochen fühlen, wenn ausschließlich das generische Maskulinum verwendet wird. Das ist schön für sie. Die Realität ist aber: Sie werden nicht angesprochen.

Eine andere dem Gendern entgegenstehende Meinung: Die Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern sollen zunächst in der direkten Realität behoben werden; gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit etc. Aber: Sprache schafft Realität. Es geht nicht darum, die Realität durch eine gerechtere Sprachverwendung zu kompensieren, sondern darum, sie zu schaffen. Wie soll die vollständige Emanzipierung gelingen, wenn Frauen nicht in der Sprache, unser aller Kommunikationsmittel (ob wir wollen oder nicht), sichtbar sind? Wenn man sie “mit meint”, woran liegt es, dass man sie nicht auch verbal nennt und als selbstverständliche zugehörige Gruppe behandelt?

Gendern als politischen Aktivismus

Sprache ist wandelbar, sie wird sich immer verändern. Das ist Fakt. Deal with it. Warum muss man gendergerechte Sprache so sehr ins Lächerliche ziehen, wie es Politiker:innen wie Friedrich Merz tun? Wovor fürchten sie sich? Dass die Gesellschaft zu einer gerechteren wird und sie ihre Privilegien zurückstecken müssen?

Vor allem die weiblichen und diversen Personen müssen adäquater durch die Sprache repräsentiert werden. Wenn man das Wort „Lehrer“ hört, assoziiert man in erster Linie damit männliche Lehrkräfte. Es heißt zwar, die weiblichen Personen seien „mitgemeint“, aber schließlich assoziiert man bei dem Wort „Lehrer“ eine männliche Person; das biologische und das sprachliche Geschlecht scheinen in diesem Fall übereinzustimmen. Das generische, also das sprachliche, Maskulinum kann sich von dem Sexus, dem biologischen Geschlecht, der angesprochenen Personen zwar unterscheiden. Wenn man allerdings das Femininum verwenden und somit alle Personen als „Lehrerinnen“ anführen würde, mit der Begründung, dass die männlichen Lehrkräfte „mitgemeint“ wären, wäre dies – noch – undenkbar.

Wer nicht gendert, ist nicht fair: Somit ist man Teil der patriarchale Gesellschaft, welche Frauen als nicht gleichberechtigt ansieht und somit auch in der Sprache nicht sichtbar macht. Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern in unserer Gesellschaft können nicht direkt durch eine andere Sprachverwendung verändert werden, sind aber wesentlicher Teil, um sie zu bekämpfen.

Leben ohne Geschlechterrollen, heißt Leben mit gerechter, nicht diskriminierender Sprache. Und nein, Gegenstände müssen nicht gegendert werden. Aber macht euch gerne weiterhin darüber lustig, um von dem eigentlichen Problem abzulenken: Angst, die eigenen Privilegien abzugeben und andere als gleichwertig anzusehen.

Für das Blogprojekt something to say habe ich mich mit Redakteur Nils Hipp mit den politischen Fragen des Genderns die die Notwendigkeit dessen unsere Gedanken in Kommentarform festgehalten. Lest hier Nils Kommentar.

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