Europa schaut weg
Europa schaut weg

Europa schaut weg

Eisige Schneestürme und hungernde Menschen in einem abgebrannten, nicht winterfesten Camp. Mitten im Niemandsland, ohne Anschluss an Zivilisation, Geschäfte, Infrastruktur und Anbindung an das Stromnetz. All das spielt sich in der Nähe der kroatischen EU-Grenze ab. Klingt wie ein Alptraum? Für die etwa 900 Geflüchteten, die sich derzeit in Camp Lipa befinden, ist er wahr geworden. Ein Interview mit einem Flüchtlingshelfer von SOS_Balkanroute, der vor Ort ist.

 

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von dijana. (she/her) (@dijanaschreibt)

Petar Rosandić lebt in Wien, ist dort Journalist und Rapper und hat SOS_Balkanroute im September 2019 gegründet. Über einen Monat war er als Obmann in Bosnien, unter anderem im Camp Lipa, nahe der bosnischen Stadt Bihać. Über seine Eindrücke berichtet er mir in einem Telefoninterview. Gerade ist er in Wien, aber nur für einige Tage – am Wochenende heißt es für ihn wieder Richtung Balkanroute zu fahren.

Obmann Petar Rosandić und Chef des Roten Kreuzes Bihać Selam Midžić unterzeichnen einen Vertrag in Bihać. Credits: SOS_Balkanroute

Dijana: Petar, du warst nun einen Monat in Bosnien. Wie ist dein Eindruck?

Petar: Camp Lipa ist zum Moria vor der Haustüre Österreichs und Deutschlands geworden. Die Lebensumstände geflüchteter Menschen in Bosnien werden seit der Schließung der Balkanroute vor drei Jahren schlimmer und schlimmer. Bereits vor zwei Jahren gab es das Horrorcamp Vučjak, wo auch unsere Initiative begonnen hat. Das war das Camp auf der Müllhalde neben dem Minenfeld, bekannt geworden auch als eines der schlimmsten Flüchtlingslager nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa. Im Winter war es dann Lipa, welches beispielhaft für so viel steht, was sich in Bosnien abspielt. Die EU schaut dabei bewusst weg. Man rechtfertigt sich, Millionen von Euros gesendet zu haben. Der Bürgermeister von Bihać sagte mir, seine Stadt habe keinen einzigen Cent von diesen Millionen erhalten.

Die Internationale Organisation für Migration [IOM] hat das Machtwort, schiebt aber ihre Verantwortung auf die lokalen Behörden. Meiner Ansicht nach können diese am wenigsten für die Situation in den Lagern, dennoch sind sie am stärksten mit den Problemen konfrontiert. Auf dem Rücken einer Stadt wird ein globales Problem ausgetragen. Bihać kann das nicht tragen.

Nach dem sich die IOM aus Lipa zurückgezogen hat, habt ihr gemeinsam mit dem Roten Kreuz die Menschen in Lipa versorgt. Wie ist die Lage jetzt?

Die Wasserlieferung kommt an. Credits: SOS_Balkanroute, Nisvet Poric

In dieser Phase ging es wortwörtlich darum, Menschenleben zu retten. Das Traurige: Lipa war bereits vor dem Brand ein Skandal, da es bis zum 23. Dezember 2020 nicht winterfest gemacht wurde. Die Evakuierung dieser Menschen innerhalb Bosniens ist gescheitert. Nachdem die EU – mittels illegaler Push-Backs durch die kroatische Polizei – die Geflüchteten weiterhin mit Gewalt von ihren Grenzen fernhält, ist Lipa genauso geblieben wie auch viele andere Schandflecke, die niemand thematisiert. Wir haben es zumindest geschafft, die Versorgung dieser Menschen durch die Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz zu verbessern. Auch Wir packen’s an [ein gemeinnütziger Verein] aus Deutschland hat durch unsere Vermittlung dabei enorm geholfen. Die Menschen haben jetzt zumindest ausreichend Schlafsäcke, Jacken, Decken und kriegen auch – auf unser Drängen – pro Tag fünf Liter Wasser statt nur einem halben Liter. Aktuell bezahlen wir die nächsten vier Tage Essen mit den Spenden, die wir erhalten haben. Das Militär hat mittlerweile Zelte mit Holzboden gebaut, Strom und Heizung gibt es auch. Aber im Großen und Ganzen kann das keine langfristige Lösung sein: Lipa liegt in den bosnischen Bergen, am gefühlt kältesten Punkt im Una-Sana-Kanton. Es ist und bleibt ein Synonym für eine „Aus dem Augen, aus dem Sinn-Politik“.

[Anmerkung: An der kroatischen Grenze kommt es immer wieder zu Push-Backs. Die Geflüchteten werden gewaltsam von der EU-Grenze zurückgedrängt. Die Maßnahmen, die von der kroatischen Polizei ergriffen werden, gelten laut Amnesty International als Foltermethoden und sind somit illegal. Lest hier einen Brief vom grünen EU-Abgeordneten Erik Marquardt, der an Horst Seehofer gerichtet ist.]

Wie sieht dein Tag als Helfer vor Ort aus?

Mein Tag sieht immer anders aus, weil ich die Hilfe für alle unsere Projekte und in Bosnien-Herzegowina im Blick haben muss. Wir unterstützen ja von Anfang an vor allem bosnische Helfer*innen, die oft nicht über die gleichen Mittel wie Helfende aus dem Westen verfügen, aber dafür Kompetenzen haben, die man nicht ersetzen kann. Es geht nicht ohne Inklusion der lokalen Community. Das ist auch, was ich versuche anderen klar zu machen: Wir können ohne die Bosnier*innen, in ihrem eigenen Land, keine langfristigen und nachhaltigen Hilfsnetzwerke ausbauen. Ebenso können wir nicht ohne Dialog und Austausch mit den Gemeinden, Bürgermeistern, Vereinen und lokal wichtigen Institutionen wie dem Roten Kreuz vorgehen. Seit Juli 2020 haben wir auch ein eigenes Projekt in Velika Kladuša [eine Stadt im Nordwesten Bosniens, in dem ebenfalls ein menschenunwürdiges Camp ist], welches die Lebensmittelversorgung von 800 bis zu 1000 Menschen täglich abdeckt. Gleichzeitig bauen wir für das Rote Kreuz eine neue Küche, die Lipa und viele Flüchtlings-Hotspots versorgen soll.

Wie läuft die Versorgung ab?

Das hängt vom jeweiligen Spot ab und der jeweiligen Stadt, von der wir reden. In Velika Kladuša sind es vor allem ehrenamtlichen Helfer*innen aus Österreich und Deutschland, in anderen Hotspots helfen vor allem lokale Flüchtlingshelfer*innen, obwohl die meisten selbst in Armut leben. Es sind vor allem Frauen, die hier helfen, die sich extrem solidarisch mit den Bedürftigen zeigen und eine Aura der Gerechtigkeit haben. Sie sind eine wahnsinnige Hilfe, zeigen Solidarität und Menschlichkeit – was man von der EU nicht behaupten kann.

Credits: SOS_Balkanroute, Nisvet Poric

Wie nehmen die bosnischen Einheimischen die Situation wahr?

„Niemandem ist es hier egal!“

Egal, ob Ehrenamtliche, Einheimische, Polizist*innen, Spitalangestellte oder Geflüchtete – alle sind frustriert, denn sie wissen, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Die Stimmung ist zermürbend. Viele sind sich bewusst, dass die EU scheinheilig agiert und Bosnien und Herzegowina [BiH] mit der Situation alleine lässt.

Die Leute hier sind sauer – gerade auf die EU. Seit drei Jahren dauert diese Krise an und es ist noch keine Besserung in Sicht. Natürlich gibt es Menschen in BiH, die politisch rechts sind – genauso wie in Deutschland oder Österreich. Die Bosnier*innen allesamt als Faschist*innen darzustellen – damit tut man ihnen Unrecht. In den letzten drei Jahren haben sie unglaublich viel Menschlichkeit und Hilfe gegenüber den Geflüchteten gezeigt. Vor drei Jahren haben viele Bosnier*innen die Asylsuchenden willkommen geheißen und ihnen geholfen. Die Untätigkeit der EU, die Planlosigkeit der Politik: Das alles hat Wirkungen und Folgen hinterlassen.

Hast du Einblicke darüber, wo die von der EU zugesicherten 3,5 Millionen Euro finanzielle Hilfe bleiben?

„Die EU-Gelder kommen scheinbar nicht an.“

Nein, leider nicht. Alle locals sagen, dass das Geld noch nicht angekommen ist. Und auch, wenn man in die Camps geht, sieht man es mit eigenen Augen, dass hier, wenn überhaupt, nur die letzten Brösel angekommen. Anfang Januar habe ich den Bürgermeister von Bihać getroffen. Er sagte mir, dass er keine weiteren EU-Gelder bekommen hat. Das versickert wahrscheinlich irgendwo.

 

 
 
 
 
 
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Bosnien-Herzegowina ist kein Mitglied der EU. Wie bewertest du den europäischen Umgang mit Bosnien?

„Bosnien ist ein Spielball der EU – keine Frage. Hier spielt man schon lange mit Menschenleben.“

Nur weil Bosnien kein EU-Mitglied ist, legitimiert das die EU nicht, Bosnien zum Ablage-Zentrum für europäische Probleme zu machen! Das ist eine Katastrophe. Es ist ein Kreislauf der Ungerechtigkeit. Die Ungerechtigkeit fängt bei der menschenverachtenden EU-Asylpolitik an.

Kroatien hingegen wird mit modernsten Geräten bewaffnet, um gegen Geflüchtete systematisch vorzugehen – mit Gewalt. In dieser Region weiß jede*r über das Vorgehen der kroatischen Polizei Bescheid – das ist hier kein Geheimnis. Auch wenn die bosnische Polizei nicht immer menschlich agiert hat, verübt sie keine systematische Gewalt. Kroatien will sich als Grenzschützer Nummer eins profilieren.

Was schenkt euch trotz der Aussichtslosigkeit Hoffnung?

Wir haben die Hoffnung, dass wir die Menschlichkeit zwischen Bosnier*innen und internationalen Volunteers stärken können. Außerdem bekommen wir von SOS_Balkanbrücke [einer weiteren Organisation, die sich für die Geflüchteten einsetzt] unglaublich viele Anfragen von anderen internationalen Nicht-Regierungs-Organisationen. Menschen außerhalb haben auch erkannt, dass wir lange vor dem Medienhype um Lipa hier waren und uns hart und mühsam mit der Zeit Kompetenzen erarbeitet haben. Das freut uns natürlich, denn die Hilfe wird gebraucht. Solange wir hier Gutes tun können und wir gebraucht werden, sind wir hier vertreten. Wir wollen zudem auf die Probleme, die Bosnien und Herzegowina im Allgemeinen als sehr armes Land hat, aufmerksam machen und den Menschen hier eine Stimme geben.

Wie glaubst du, wird es weitergehen?

„Ich habe die Hoffnung noch nicht komplett verloren.“

Ich bin aber sehr skeptisch und misstrauisch gegenüber der europäischen Gesellschaft, gegenüber diesem scheinheiligen Scheißgetue. Hauptsache es gibt Gesetze und Deklarationen, die Menschenrechte schützen. Kommst du hier nach Bosnien, siehst du, dass diese Gesetze hier keine Bedeutung haben. An die EU-Politiker*innen: Kommt und schaut euch an, was ihr hier fabriziert habt. Das ist eure Asylpolitik, das ist Europa!

„Das Camp zu evakuieren, ist die letzte Chance, um hier noch rechtzeitig einzugreifen!“

Seine Rückreise hat Petar bereits zehn Mal verschoben. Bald muss er aber zurück nach Wien, Ende Januar möchte er wieder da sein für eine Reise mit einer österreichischen Grünen-Abgeordneten, die sich ein Bild von der Lage machen möchte.

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