Zwischen Outing und Queerfeindlichkeit – Wie aufgeklärt sind wir wirklich?

Ist ein Outing heute überhaupt noch notwendig? Wie geht man mit Beleidigungen um? Und wie können Heterosexuelle die queere Community unterstützen? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, spreche ich mit Mia. Sie ist 19 Jahre alt und lebt offen homosexuell in Berlin.

Klicke hier für die Fotoreihe „Queer in Berlin“, die ich mit Mia gemacht habe und lies weiter für das ganze Interview.

Mias persönlicher Weg

Seit diesem Semester studiert Mia „Nachhaltiges Unternehmensmanagement“ und engagiert sich ehrenamtlich bei der Grünen Jugend im Bezirkskoordinationsteam.

Mia war ungefähr 14, als sie das erste Mal mit der LGBTQ*-Community in Berührung kam. „Meine damaligen Schulfreund*innen haben zum Beispiel Fanfiction mit homosexuellen Charakteren gelesen. Sie habe dann herausgefunden, als was sie sich identifizieren und sich teilweise geoutet. Dann habe ich mir auch Gedanken rund um LGBTQ*+ gemacht.“

Dass Mia nicht heterosexuell ist, wurde ihr nach und nach bewusst. „Es kam häufiger vor, dass ich Crushs auf Girls hatte. Irgendwann war mir dann klar: Die Jungs, können sich andere Mädchen suchen, die interessieren mich nicht.“ (lacht) Dadurch, dass Mia sich bereits vorher mit Queerness auseinandergesetzt hat, konnte sie ihr Interesse am gleichen Geschlecht gut annehmen: „Ich fand es aufregend, einen Crush zu haben – das war ein schönes Gefühl.“

In der Schule hingegen fehle es völlig an Aufklärung über das Thema Sexualität und Queerness. „Wenn mein Freundeskreis damals nicht so offen gewesen wäre, hätte ich mich erst viel später mit dem Thema befasst und auch viele Erfahrungen nicht gemacht.“ Ein Schritt in die richtige Richtung: Diversity-AGs.

Kirche und Queerness – immer ein Widerspruch?

Mia ist mit der evangelischen Religion groß geworden und hat auch ihre Konfirmation gemacht. Im kirchlichen Kontext hat sie aber nie ihre sexuelle Orientierung angesprochen. Ein YouTube-Kanal hilft ihr jetzt, ihren Bezug zur Kirche und zum Glauben für sich einzuordnen. Anders Amen ist ein Kanal, auf dem zwei lesbische, miteinander verheiratete Pastorinnen, die auf dem Dorf leben, von ihrem Alltag und Leben erzählen. „Anders Amen hat mir gezeigt, dass die evangelische Gemeinde offen und bunt sein kann. Wenn ich Probleme habe, kann ich mich im Glauben – trotz allem, wohlfühlen.“

Tabuthema Outing?

Muss sich denn überhaupt noch geoutet werden? „Ne, nicht unbedingt. In manchen Situationen kann es für dich ein Nachteil sein, wenn du dich outest. Manche Familien können damit nicht umgehen. Wenn du weißt, dass deine Eltern offen sind und dass es Druck von dir nimmt und es nicht mehr zu verheimlichen ist“ – dann könne ein Outing helfen.

Mia steht zu ihrer sexuellen Orientierung!

Vor ihren Eltern hat Mia sich nicht „klassisch“ geoutet, sondern ihre Freundin mit nach Hause gebracht und ihren Eltern vorgestellt. „Ich glaube, sie haben es auch geahnt. Meine Mutter hat mich mal gefragt, ob ich auch schon Mädchen geküsste habe. Ich habe dann ja gesagt und das Thema war gegessen.“

Stolz ist Mia nicht aufs lesbisch sein. „Dafür kann ich ja nichts. Ich schäme mich nicht, sondern trage meine sexuelle Orientierung offen nach außen. Ich finde, es muss solche empowernden Leute geben!“

„Ich wünsche mir, dass ein Outing überflüssig wird, aber Stand jetzt wird es noch gebraucht. Ein Outing ist auch immer ein Statement.“

Wenn man sich als junger Mensch outet, habe man erstmal nur das Internet – wenn es keine queeren Treffpunkte in der Nähe gibt und der Freundeskreis nicht offen ist. „Vielleicht sind dann noch die Eltern heteronormativ und homo- und/oder transfeindlich. Schön, dass die Ü50 schwulen Männer ihren Stammtisch im Bezirk haben, aber wir bräuchten auch einen!“

„Helft den Menschen, die sich outen und dann diskriminiert werden. Fragt sie: „Was brauchst du? (Wie) kann ich dir helfen?“

Label dich, wie du magst!

Seit der achten Klasse hat Mia ihr Label öfter geändert. Zunächst hat sie sich als lesbisch, dann als bisexuell und schließlich doch als homosexuell verstanden. „Ich war in der Pubertät – alles verändert sich in dieser Phase.“

Und das ist auch völlig in Ordnung: „Es ist okay, wenn sich das Label über die Zeit verändert oder man sich gar nicht spezifisch festlegen möchte.“ Deswegen würden sich auch einige Menschen als queer identifizieren, einem Oberbegriff, der alle nicht heterosexuellen Orientierungen miteinschließt. Was aber überhaupt nicht ginge: Wenn andere das für sich gewählte Label in Frage stellen.

Warum Labels sinnvoll sein können? „Labels bieten Austausch und Zugang zu einer Community, die fühlt, wie man selbst und sind somit eine Möglichkeit zum Vernetzen. Labels können einem das Gefühl geben: Ich weiß, wer ich bin.“

Was passiert in Polen und Ungarn?

Polen und nun auch Ungarn, Mitgliedstaaten der EU, haben Resolutionen verabschiedet, welche bestimmte Städte zu sogenannten „LGBT-freien Zonen“ machen. In Polen ist etwa ein Drittel des Landes zu so einer Zone geworden.

In Ungarn gibt es seit Anfang Januar 2021 die erste LGBTQ*-freie Zone. Die Kleinstadt Nagykáta östlich von Budapest, hat Anfang November eine Resolution verabschiedet, die das „Verbreiten und Fördern von LGBTQ-Propaganda“ verbietet. [1] Grund zur Sorge liefern auch die Veränderungen in der Verfassung: Dort steht unter anderem festgeschrieben, dass nur heterosexuelle Ehepaare Kinder adoptieren dürfen und des Weiteren der Vater immer ein Mann, die Mutter immer eine Frau sein müsse. Seit Neustem wird das Geschlecht anhand der primären Geschlechtsorange verbindlich festgelegt – was Trans- und Intersexuelle strukturell diskriminiert. [2]

„Das ist ganz klar menschenverachtend, weil Queerness keine Ideologie, sondern Realität ist. Das sind unsere Identitäten und keine Ideologie. Damit reden sie uns klein! Jetzt wird noch eher weggeschaut, wenn einer queeren Person auf offener Straße Gewalt widerfährt“, sagt Mia entrüstet.

Die EU hat klare Statements geäußert: LGBTQ*-Rechte sind Menschenrechte! Es folgte eine Kürzung der EU-Gelder. Polen reagierte dabei aber nicht wie gehofft: Die Geldkürzungen durch die EU wurden durch den nationalen Topf um den dreifachen Betrag ausgeglichen.

„Wie man am besten auf Queerfeindlichkeit eines Staates reagiert, ist immer unklar, schließlich weiß man nicht, wie und in welchem Maße die Regierung darauf reagiert.“

„Wir können den Menschen in diesen Ländern helfen, indem wir Kontakt mit Aktivist*innen vor Ort aufnehmen, um Hilfe anzubieten und direkt zu fragen, was sie brauchen! „Es ist schwer, abzuschätzen, was den Menschen dort wirklich hilft!“, appelliert Mia.

Beleidigungen und Beschimpfungen

„Nur weil es in Polen gerade richtig mies läuft, heißt das nicht, dass in Deutschland alles super ist. Hier haben wir auch noch einiges zu tun! Klar, Polen ist ein krasses Thema, aber auch in Berlin muss sich noch einiges verändern!“

Ob die Leute nüchtern oder betrunken sind – homofeindliche Diskriminierungen erlebt Mia leider oft. An einer U-Bahn-Station wurde sie schon mit den Worten angebrüllt: „Macht euren Lesbenscheiß woanders“. Auch Mias Freundin wurde bedroht. Abwertende Blicke, wenn sie sich in der Öffentlichkeit küssen oder Hand in Hand durch die Straßen gehen, sind auch keine Seltenheit. „Warum ziehst du dich an wie ein Junge?“ – Auch das musste sich Mia schon anhören. Da entgegnet sie selbstbewusst: „Ich finde es wichtig, auch durch die Kleidung, ein Statement zu setzen. Mädchen tragen Röcke und Kleider und die Jungs Hemden – so ist es einfach nicht. Ich ziehe mich an, wie ich will!“

Meistens erfahre sie Hass von Männern, die älter, physisch stärker und gewaltbereiter seien. „Ich sprech‘ die nicht an, weil ich Angst habe.“

„Meistens ignoriere ich es, gerade, wenn Alkohol im Spiel ist. Dann kann man die Menschen nicht erreichen und es kann leichter zu Gewalt kommen. Im ersten Moment weiß ich auch gar nicht, wie ich reagieren soll. Mir fehlen die Worte. Ich würde gerne die Menschen darauf ansprechen, um in den Diskurs zu treten und die Menschen darauf aufmerksam machen, wie verletzend ihre Worte sind.“

Gegen den Hass – gemeinsam laut sein

Dass Heteronormativität gesellschaftlich noch präsent ist, findet Mia problematisch. Das zeigt sich auch im Sprachgebrauch vieler. Ein Beispiel: „Es wird gefragt: ‚Hast du einen Freund?‘ und ich dann: ‚Nein, eine Freundin.‘“

Mia empfiehlt deshalb: Erstmal bei sich anfangen, den Sprachgebrauch und das Denken zu reflektieren und dann auch bei beim näheren Umfeld. Gendergerechte Sprache ist Mia zufolge gerade dann wichtig, wenn die Person genderfluid, transgender oder einfach noch nicht geoutet ist. Dabei bevorzugt Mia genderneutrale Formulierungen. Bei Fehlern, sollte man sich diese eingestehen und sich auch entschuldigen, wenn man mit der Sprache Personen verletzt hat.

„Versucht, offen zu sein. Versucht, so inklusiv wie möglich zu sprechen. Fang, bei dir selbst an! Versuch, an dir zu arbeiten!“

Queere Sticker & kalte Mate – mag sie beides gerne.

Außerdem: offener Support der LGBTQ*-Community, ein Straight Ally, ein/e Verbündete/r, sein. „Kommuniziert nach außen: ‚Das ist kein Problem, wir supporten euch.‘“ Und, wenn man nach dem Beziehungsstatus der anderen Person fragt, nach „Partner*innenschaft“ oder „Beziehung“ fragen, nicht spezifisch nach Freund oder Freundin. Es gebe schließlich so viele unterschiedliche Arten vom Zusammenleben, von Liebe und Partner*innenschaften.

„Queersein gehört zur Gesellschaft und ist nichts krass‘ Individuelles!“

Woran es noch fehlt: „Mehr Repräsentation queerer Menschen im Film, Fernsehen und Netz! So könne das Queersein normalisiert und dem heteronormativen Denken entgegengewirkt werden!“ Auch die Öffentlich-Rechtlichen sollten das Thema in die breite Bevölkerung tragen und so mehr Bewusstsein und Sensibilität schaffen. So wie zum Beispiel die Serie Druck von Funk (ARD & ZDF), die uns Mia empfiehlt. „Die jetzige Staffel hat eine Lesbe als Hauptfigur und vorher gab es zwei Schwule, von denen einer trans ist, als Hauptcharaktere!“

Auch über Social Media können wir das unterstützen. „Hatenachrichten unter Beiträgen nicht einfach so stehen lassen, sondern mit Love- und Supportnachrichten entgegenwirken. Posts teilen, die Aufklärungsarbeit leisten“

Wir mögen uns und unsere Bubble für aufgeklärt halten. Mia findet: „Unsere Bubble ist sehr aufgeklärt, die Gesellschaft hingegen ist sehr durchmischt und teilweise auch überhaupt nicht aufgeklärt.“  Und daran müssen wir arbeiten.

[1]  https://www.ggg.at/2021/01/12/auch-ungarn-hat-seine-erste-lgbt-freie-zone/ [letzter Zugriff am 16.01.2021]

[2] https://www.tagesschau.de/ausland/ungarn-lgbt-diskriminierung-101.html [letzter Zugriff am 16.01.2021]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.