Von der Vision bis zur eigenen Firma – Ein Interview mit BeveragesBerlin

2020 ist für die meisten wohl ein Jahr des Stillstandes, der Ungewissheit und Unsicherheit. Kamal und Tim haben sich davon aber nicht einschüchtern lassen und dieses Jahr ihre eigene Firma gegründet: BeveragesBerlin. Ich treffe die beiden zum Interview in einer Bar im Südwesten Berlins.

Auf den ersten (und auch zweiten Blick) sind Tim Grohmann und Kamal Shukla sehr unterschiedliche Typen. Tim fällt durch seine Körpergröße und sein selbstbewusstes Auftreten auf. Kamal hingegen ist eher der ruhigere, künstlerische Typ. Eine Gemeinsamkeit haben die Beiden aber: Sie gehen gerne auf Partys.

Tim ist gerade 21 Jahre alt geworden, kommt aus Kleinmachnow, einer Vorstadt Südberlins. Er studiert Wirtschaftsingenieurwesen im dritten Semester. Sport treiben und Feiern gehen zählen zu seinen liebsten Hobbies.
Kamal ist 19, angehender Architektur-Student und gibt Nachhilfe in Mathe und Englisch. In seiner Freizeit geht er ins Gym, zeichnet, schreibt Gedichte, trifft Freunde und feiert gerne.

Von der Idee zur Firma

„Eines Abends lag ich im Bett und habe meine Gedanken schweifen lassen. Um ehrlich zu sein, kam mir die Idee ziemlich random. Ein Unternehmen zu gründen, was abends und nachts Getränke liefert, schien mir wie ein Konzept, was es so noch nicht gibt. Dann habe ich mich gefragt, ob diese Idee es wert wäre, selbst ein Unternehmen zu starten“, berichtet Tim.

Anfang Juni frühstückten die beiden gemeinsam. Tim erzählte von seinem Einfall, ohne jegliche Intention diesen weiterzuverfolgen. Doch sein bester Freund Kamal war sofort begeistert: „Ich fand die Idee sofort sehr gut. Ich habe mich dann auch sofort auf die Namenssuche begeben und recherchiert, ob es ein Unternehmen mit vergleichbarem Konzept schon gibt.“ Doch dies war nicht der Fall. Das gemeinsame Unternehmen sollte eine Alliteration im Firmennamen tragen. „Zwei B´s sollten es schon sein. BeveragesBerlin fanden wir direkt sehr gut und zum Firmenkonzept passt es auch.“

„Ich bin auf die Idee gekommen – ohne wirkliche Inspiration oder mit der Intention eine Firma zu gründen.“ – Tim.

„Als mir die Idee in den Kopf kam, habe ich sie sofort verworfen, da ich dachte, dass ich ja dann jeden Freitag und Samstag ausliefern müsste – und dann selbst nicht feiern gehen kann.“ Sie beschließen, sich die Arbeit aufzuteilen. „Einer liefert Freitag, der andere Samstag. Und dass ist, denke ich, auch ein Opfer, was man für seine eigene Firma eingehen kann“, findet Tim.

Die Jungs von nebenan

Die Grundidee ist einfach zu fassen. „Nie mehr soll eine Party enden, weil zu wenig Alkohol da ist.“ Dabei reden sie von Feiern, wo sowieso Alkohol konsumiert wird. „Man kann auch Spaß ohne Alkohol haben. Muss man aber nicht“, meint Kamal. „Partys, auf denen sowieso kein Alkohol getrunken wird, sind nicht unser Klientel,“ gibt Tim zu.

Die Philosophie hinter BeveragesBerlin: „Wir sind zwei nette Jungs aus der Nachbarschaft und wir wollen Partys retten. Wir sind eine gute Alternative zu Spätis: günstiger und komfortabler: Mit der kostenlosen Lieferung kann man entspannt von der Couch aus bestellen und wir liefern innerhalb von 30 Minuten“, meint Kamal. Tim fügt hinzu: „Mir war von Anfang an wichtig, dass wir nicht die Not der Leute ausnutzen, so wie es Späti und Tankstellen teilweise machen. Die Leute sollen nicht am nächsten Tag denken ‚Scheiße, jetzt habe ich 30 Euro für irgendwas ausgeben!‘“

Der Weg zur eigenen Firma: ein bürokratischer Kampf

„Ich kam zu Kamal, hab gesagt, ich habe´ne Idee und dann haben wir eine Firma gegründet.“

Ganz so einfach war es dann doch nicht. Vom ersten Juni bis Mitte September, dreieinhalb Monate, soll es von der Idee bis zur Umsetzung dauern. „Leider ist es in Deutschland nicht so einfach, eine Firma zu gründen“, sagt Kamal. Tim geht einen Schritt weiter, indem er sagt: „Es würde so viel mehr Gründer*innen geben, wenn der Staat auf einen zukommt, wenn man zeigt, dass man Interesse hat und einem keine Steine in den Weg legt!“

Das Unternehmen selbst ist in Kleinmachnow angemeldet. Der Steuerhebesatz, also die Steuern, die man allein für den Standort des Unternehmens zahlen muss, ist in Kleinmachnow niedriger als in Berlin. Die beiden jungen Gründer haben dort positive Erfahrungen mit dem Gewerbeamt gemacht: „Wir wurden mit offenen Armen begrüßt, die Angestellten freuen sich, dass man in Kleinmachnow etwas gründet,“ so Tim.

Die beiden sind Kleinunternehmer. Das bedeutet das der Gesamtumsatz nicht mehr als 22.000 Euro jährlich betragen darf. Nach §19 UStG („Kleinunternehmerregelung“) wird keine Umsatzsteuer für den Rechnungsbetrag ausgewiesen, wodurch die Produkte zu einem günstigeren Endpreis angeboten werden können. Quelle: JungeGruender.de

Ich begleitete die beiden zum Rathaus Kleinmachnow, wo sie ihren ausgefüllten Anmeldeantrag für ihr Gewerbe einwerfen.

 

 

Man kann es ihn ihren Gesichtern sehen: Die zwei freuen sich.

Was man beachten muss, wenn man seine eigene Firma gründet? „So einiges“, meint Kamal lachend. „Grundsätzlich kann man sagen, dass das Vorurteil, dass Deutschland sehr bürokratisch ist, stimmt.“ Sich für einen Unternehmenstyp zu entscheiden, sei noch plausibel gewesen, doch dann kämpfen sich die beiden durch wenig enthusiastische Ämter, die „Corona als Freifahrtschein“ nutzen, meint Kamal.

Zahlreiche Anrufe beim Finanzamt, kaum neuen Informationen zum Beantragungsprozess, nur Ausreden – Das Finanzamt und die Bank waren weniger kommunikativ, beschwert sich Kamal heute. Wegen der Verzögerung musste der Launch der Firma mehrmals verschoben werden. „Einfache Routineprozesse dauern länger; die Ämter lassen sich viel Zeit.“

Mitte Juli haben sie beispielsweise ihre Umsatzsteuer-Identifikationsnummer beantragt – und erst vor wenigen Wochen war es dann soweit: Die lang ersehnte Nummer wurde per Post zugestellt. Und ohne die geht fast gar nichts. Man braucht diese für eine Großhandelskarte, die Website kann man ohne auch nur beschränkt betreiben.

Auch das Abschließen eines Gesellschafter-Vertrags zwischen den beiden darf bei einer Firmengründung nicht fehlen. Dieser regelt die Anteile am Unternehmen und wie die Rechte und Pflichten verteilt sind. Bei der Gewerbeanmeldung ist dieser Vertrag auch essenziell.

„Zusammen-arbeiten“

„Den Heck-Meck mit der Versicherung mussten wir auch regeln.“ Sie mussten einen Arbeitsvertrag ausfüllen und diesen sowohl als Gesellschafter, als auch als Mitarbeiter unterschreiben. Dann mussten sie noch eine Unfallschutzversicherung abschließen. Beide arbeiten sechs Stunden die Woche für die Firma, im Ausnahmefall 12 Stunden. Dennoch wird erstmal verlangt, dass sie monatlich 60 Euro zahlen, da der Staat zunächst davon ausgeht, dass der Beruf Vollzeit ausgeübt wird. „Auch hier waren wir wieder in der Bringschuld: Wir haben uns mittels einer Klausel von dem Betrag befreien können, mussten das aber auch entsprechend nachweisen“ meint Tim. „Als junger Unternehmer möchte man mit seiner Tätigkeit starten, doch noch in einem der ersten Briefe steht: ‚Zahle hier bitte monatlich 60 Euro.‘ – und dass, obwohl man noch keine Einnahmen hat. Die Befreiungsklausel stand klein gedruckt auf der Rückseite. Man wird direkt ausgemolken, anstatt, dass man vom Staat im Gründungsprozess unterstützt wird. Deswegen muss man die Gründung aus eigener Kraft vorantreiben.“

Kamal und Tim. Oder auch: BeveragesBerlin

Blick hinter die Kulissen von BeveragesBerlin

Geholfen habe dabei, dass die beiden in der Situation nicht allein waren. „Dass wir uns darüber austauschen konnten, hat uns ein besseres Gefühl gegeben. Teilweise hat es mich genervt, wenn wir nicht vorangekommen sind. Mental mussten wir aber nicht viel investieren. Kamal und ich sind eh beste Freunde und haben viel miteinander zu tun, dann schreibt man täglich eben auch über die Firma.“

Beide haben das Gefühl, dass ihre Freundschaft stärker durch die berufliche Beziehung wird. „Durch die Firmengründung haben wir noch mehr und intensiver Kontakt“, meint Tim. Natürlich kommt es dabei auch zu Meinungsverschiedenheiten, aber: „Wir sprechen uns immer aus!“, so Kamal. „Wir haben uns noch nie wegen irgendwas angeschrien, sondern immer alles so ausdiskutiert, dass beide damit leben können.“

Nachdem die beiden endlich Mitte September ihre Firma launchen konnten, steht jetzt die Promo-Phase an. Auf ihren Dienst wollen die beiden mit Instagram-Beiträgen und Stickern, welche die beiden im Liefergebiet verteilen, aufmerksam machen. Das Marketing ist mit einem Augenzwinkern zu betrachten, denn: „Wir sind kein abgebrühtes Börsenunternehmen. Wir sind Leute von nebenan, da muss man am Anfang auch nicht auf großes Unternehmen tun“, ist Tim überzeugt.

So sieht die Website von BeveragesBerlin aus. Wenn ihr euch weiter umschauen möchtet, hier der Link!

Ihre Website haben die beiden mit Jimdo erstellt, da Jimdo auf den Auftritt von Online-Shops ausgelegt ist. Jimdo sehen die zwei als gute Basis, seinen eigenen Shop zu starten. „Das macht es wesentlich einfacher, Bezahlmöglichkeiten wie PayPal zu verknüpfen“, findet Tim. „Außerdem klärt Jimdo die rechtlichen Fragen und das Impressum und AGB,“ fügt Kamal hinzu. Abgemahnt werden können die beiden aufgrund ihrer Website also nicht.

„Deren Logo-Creator ist aber kompletter trash, weswegen wir uns ein eigenes besorgen mussten.“ Mit dem Logo, dass durch einen professionellen Designer erstellt wurde, sind die beiden aber mehr als zufrieden.

Das Logo gibt es auch in unterschiedlichen Farbvarianten.

Was man braucht für eine Firma, die Getränke liefert? Erstmal natürlich die Ware, welche die beiden bei der Metro in einer großen Menge geholt haben. Beide haben einen Führerschein und eigene Autos. Sobald jemand bestellt, packen sie die gewünschte Ware ein und liefern diese aus.

So eine eigene Firma ist also nicht gerade billig. Bis auf die Ausgaben für das Anmelden der Firma (Gewerbe, Logo, Website) hatten die zwei nur Ausgaben für die Getränke. Dabei handelt es sich um ein Budget von 350 Euro. „Zum Glück haben wir keine Produktionsmaschinen, die wir anschaffen mussten. Und das, was wir kaufen, verkaufen wir auch wieder. Mein Vater hat mich was die Gründung angeht auch immer mental unterstützt. Er meinte, ‚wenn´s nicht klappt, trinkt ihr die Sachen halt‘“, erzählt Tim lachend.

„Wir hatten kein riesiges Startkapital, aber wenn unser Projekt floppt, dann würden wir finanziellen Verlust machen. Aber unsere Devise ist: Einfach mal ausprobieren.“

Für die Firmengründung und das Startkapital waren 400 Euro geplant, was sie aber nicht wie geplant einhalten konnten. Die aktuellen Ausgaben befinden sich bei etwa 500 Euro. Nicht bedacht hatten die beiden, dass das Anmelden des Gewerbes etwas kostet. Auch die Kosten für die 500 Sticker waren im Startkapital nicht eingerechnet.

 

 

 

Zeit, Geld, Nerven – warum eine eigene Firma?

Fürs „einfach-mal-ausprobieren“ ist es aber viel Arbeit und ein finanzieller Gewinn ist auch noch nicht abzusehen. Stellt sich die Frage, welchen Mehrwert die beiden für sich daraus ziehen.

„Ich muss sagen, dass mir die ganze Firmenangelegenheit gerade mehr Spaß macht als das Studium!“, findet Tim.

Am meisten Freude bereite ihnen das Vorankommen: Die kleinteilige und konstante Arbeit an der Firma sehen sie als Selbstverwirklichung. Erfolgsgefühle kommen, „wenn ein Brief ankommt, auf den wir lange gewartet haben oder wir Support auf Instagram bekommen.“ Dort rieseln zahlreiche positive Nachrichten in ihre DMs, vor allem Glückwünsche zum Launch oder Gratulationen zur Idee. Einige hinterfragen aber auch das Konzept oder geben Tipps, wie sie ihren Instagram-Auftritt optimieren können. „Es freut uns natürlich, dass unsere Idee so gut angenommen wurde und wir etwas ins Leben gerufen haben, was anderen gefällt“, meint Tim. Besonders gefreut hat die beiden, dass ihnen auch Menschen folgen, die sie nicht kennen.

 

 

„Wir haben beide neben dem Studium noch andere Jobs. BeveragesBerlin ist nicht unsere finanzielle Hauptquelle.“ Dennoch ist das gerade ihr Hauptprojekt. „Neben den Vorlesungen für die Uni habe ich nebenbei an der Website gewerkelt und mir Gedanken über das Sortiment gemacht, es macht halt auch Spaß. Es gab Tage, an denen ich mich morgens an den PC gesetzt habe und mich gegen Mitternacht wieder dort gefunden habe: immer noch am Designen und Ausprobieren“, erzählt Tim.

Kamal meint: „Natürlich ist es unser Traum, damit großen Umsatz zu generieren, viel wichtiger ist uns aber, dass wir etwas aufbauen, auf das wir stolz sein können – was auch eine Einkommensquelle sein kann.“

Über Träume und Ziele

„Wenn man sich die Zeit anschaut, die wir bisher für die Firma gearbeitet haben, hätten wir hunderte, wenn nicht sogar tausende Euro verdient, hätten wir in der Zeit auf Mindestlohn-Basis gearbeitet“, sagt Tim voller Elan, „Gerade dominiert die Idee, etwas aufzubauen und später wird es hoffentlich auch finanziell attraktiver.“

„Ich könnte mir schon vorstellen, dass wir die Firma auch in fünf Jahren noch haben, aber dann hoffentlich mit einem größeren Liefergebiet, ein paar Mitarbeiter*innen und mehr Außenwahrnehmung“, sagt Kamal.

„Es ist natürlich momentan etwas weitgegriffen und um nicht zu sagen, arrogant, wenn wir darüber reden, wo wir irgendwann mal landen wollen. Aber unser Ziel ist es, das Liefergebiet zu vergrößern und einen Umsatz zu haben, der es ermöglicht, Leute einzustellen“, meint Tim. Auf jeden Fall streben die beiden ein größeres Sortiment an Getränken an, eventuell wollen sie auch Snacks anbieten.

Erschwerter Start durch Pandemie

Pandemie und Party machen, zwei Sachen, die sich nicht gut vertragen. Mit zunehmenden Fallzahlen und daraus resultierenden Kontaktbeschränkungen ist die Geschäftsidee der beiden hinfällig – vorerst zumindest.

„Solange es erlaubt ist, sich mit einer bestimmten Anzahl an Personen zu treffen, kann die Firma Umsatz machen. Gerade da Clubs geschlossen haben, sind die Menschen darauf angewiesen, bei sich zu feiern und auf private Räumlichkeiten auszuweichen. Da sehe ich einen kleinen Vorteil für unser Unternehmen, dennoch ist es schwer, Voraussagen zu treffen, wie sehr die Pandemie unserer Firma schaden wird.“ – so Kamal.

„Momentan gibt es keine Kontaktbeschränkungen die unsere potenziellen Kunden einschränken, Partys können mehr oder minder so stattfinden wie sonst. Zustände wie im April haben wir nicht, allerdings kann ich mir vorstellen, dass sich das in den nächsten Monaten drastisch ändert und wir wieder Kontaktbeschränkungen haben. Dann ist unsere Geschäftsidee erstmal komplett wertlos.“ Das meint Tim Ende September. Jetzt hat sich die Lage allerdings verschärft und eine Lockerung der Beschränkungen ist (vorerst) nicht in Sicht.

Den beiden bleibt nichts anderes übrig, als auf das Beste zu hoffen und darauf, dass die Pandemie so schnell wie möglich eingedämmt werden kann – und, dass sie dann mit ihrer Firma durchstarten können.

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