Auf der Suche nach Heimat
Auf der Suche nach Heimat

Auf der Suche nach Heimat

Mein Großvater ist in den siebziger Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen – und geblieben. Ein persönliches Gespräch über Heimat & Herkunft.

„Heimat ist nichts Abstraktes“, sagt Volkmar Vogel, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium des Inneren, im Rahmen des Bundeskongresses „Heimat in Europa“.  Doch eigentlich ist es genau das. Inmitten einer vernetzten Welt, in der man von überall aus arbeiten und leben kann, ist es schwer, eine Heimat zu finden. Oder, wenn man das schon hat, diese zu behalten. Doch wie ist es, seine Heimat auf der Suche nach einer neuen zu verlassen? Um diese Frage zu klären und zu verstehen, was sich hinter dem weitumfassenden Begriff „Heimat“ verbirgt, spreche ich mit meinem Großvater, Zvonko Žaper, der mit 20 Jahren nach Berlin gekommen und geblieben ist.

Heimat ist nicht immer äquivalent mit seinem Herkunftsort. Meistens verbinden Menschen damit die geografische Umgebung, in der sie sich befinden. Man kann aber auch in einem fremden Land eine neue Heimat finden. Das zeigt auch die Geschichte von Zvonko Žaper. Er ist heute 70 Jahre alt. 1949 wurde er im kroatischen Hinterland geboren, mit 14 Jahren nach Split gezogen – allein, um dort auf der Wirtschaftsschule eine dreijährige Ausbildung zu absolvieren. Mit 20 Jahren kam er alleine nach Westberlin, als Gastarbeiter oder auch als „Wirtschaftsflüchtling“. Das erste, was er von Berlin gesehen hat: den Bahnhof Zoo. Von da an ging seine Reise los.

„Steine ditschen in Split“ / Privat: Zvonko Zaper

Mit 20 Jahren auf in ein neues Kapitel!

Er wollte etwas von der Welt sehen, Neues und vor allem sich selbst kennenlernen und Geld verdienen – all das in Berlin. In Berlin angekommen, fühlte er sich sofort wohl. „Ich habe viele Lichter gesehen.“ Deutschland war und ist für ihn ein Land voller Luxus. Einen Arbeitgeber hatte er schon vor seiner Anreise sicher: ein Exil-Kroate, der in Berlin seine Firma gründete und den Abriss zerstörter und maroder Häuser vornahm. „Ich wurde ihm empfohlen, er hat mir sofort den Job zugesichert“, erinnert sich Zvonko heute. „Es gab eine große Nachfrage auf dem Bau. An jeder Ecke in Berlin gab es schließlich kaputte Häuser.“

„Die schmutzige Arbeit haben meistens Gastarbeiter gemacht“, meint mein Opa, „mein Arbeitgeber und ich, wir haben uns gegenseitig gebraucht. Ich bin eine Baumaschine gefahren und habe täglich zehn Stunden gearbeitet. Es war ein gut bezahlter Job.“

„Es hat sich mit der Zeit so entwickelt, dass ich zufrieden war mit meinem Leben in Berlin. Ich habe Geld verdient und gespart und konnte meine Wünsche erfüllen.“

„Sich gut bekleiden, ein Auto kaufen, eine Sonnenbrille – positiv auffallen.“ Das wollte er auch, wenn er in seine Heimatstadt zu Besuch zurückkehrte. Damit beeindruckte er auch meine Großmutter Slavka, die er 1972 heiratete und die ihn dann mit nach Berlin begleitete.

Die Devise meines Opas: „Erfolg durch Fleiß!“ / Dijana Kolak

Sein Ziel: selbstständig in der Gastronomie

„Später sind wir zur Gastronomie gekommen, da ich erfahren hatte, dass man in dieser Branche deutlich mehr Geld verdienen kann.“ Die Nachfrage an kroatischen Spezialitäten war enorm. Dazu kam, dass seine eigenen Eltern in der Gastronomie tätig waren. „Ich habe mich – gemeinsam mit meiner Frau – getraut, in eine eigene Gaststätte zu investieren.“ Es folgt: die Selbstständigkeit mit einem eigenen Restaurant in Berlin-Schöneberg.

„In die Selbstständigkeit zu gehen, war ein großes finanzielles Risiko für uns. Wir haben all unsere Ersparnisse aufgebraucht und zusätzlich einen Kredit aufgenommen.“

Es brauchte sehr viel Geduld und Arbeit, doch schließlich führten die beiden bis zu ihrer Rente ein gewinnbringendes Restaurant. „Die Jahre sind schnell vergangen, ich bin jetzt schon siebzig Jahre alt und seit fünfzig Jahren hier“, lacht Zvonko.

Leben an der Adria – ein wahrgewordenes Paradies?

Ein paar Impressionen / Dijana Kolak

Im Meer zu baden, auf einer Luftmatratze zu liegen und sich einfach von den Wellen treiben zu lassen, mediterrane Früchte zu essen – so etwas vergesse man nicht. Außerdem: eine weite Sicht auf das Meer, ein klarer Sternenhimmel, der Trubel des Lebens, der aufgrund des warmen Klimas draußen stattfindet. „Das und viel mehr bindet mich an Kroatien. Deutschland ist meine zweite Heimat.“ Seine alte Heimat hat er nicht aufgegeben. Sprache, Kultur und Mentalität sind immer noch tief in ihm verwurzelt. „Das will ich weder abschütteln noch loswerden.“

Obwohl er als Halbwaise in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, hat er seine Kindheit und Jugend in durchweg positiver Erinnerung. Die südliche Mentalität, das Klima, die Feigen, die Adria – ein echtes Paradies. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Schlechte Bezahlung und vergleichsweise hohe Lebensunterhaltskosten – auch das gibt es in Kroatien. „Die Arbeit dort ist wenig gewinnbringend. Man verdient nicht genug, um Geld anzusparen.“ Das führt nach meinem Opa zu einem Verlust an Motivation und Lust an der Arbeit. Ja, auch Arbeitsverweigerung ist ein Thema.

Nachdenklich. / Dijana Kolak

Der Kampf um eine freie Heimat

Kroatien war zu der Zeit, in der mein Opa auf dem Balkan aufwuchs, Teil des sozialistischen Vielvölkerstaats Jugoslawien. In den Neunzigern folgte eine Zeit voller Umbrüche in Deutschland, Kroatien, Europa und der Welt – Veränderungen zum Positiven: die Pleite des Sozialismus in der Sowjetunion und Jugoslawien, der Fall der Berliner Mauer, die Integration zahlreicher Länder in die Europäische Union. „In der Zeit, als der Ostblock zerfallen ist, haben unfreie Länder ihre Chance gesehen, frei und demokratisch zu werden.“ Dazu zählt auch die Heimat meines Opas, Kroatien. „Ich habe Jugoslawien nicht gemocht. Jugoslawien war eine Diktatur! Man konnte sich politisch nicht frei äußern. Sobald man das Regime kritisierte, drohte einem schnell das Gefängnis.“

„All das hat mich geprägt. Ich habe gerne bei diesen Umbrüchen mitgemischt. Meine Augen und Ohren waren zu der Zeit sehr groß“, lacht Zvonko.

Mein Opa wurde von Berlin aus politisch aktiv. Er ist Mitglied der demokratischen Partei Hrvatska demokratska zajednica (Kroatische Demokratische Union), kurz HDZ. „Der Denker, Historiker und Politiker Franjo Tuđman hat die Partei gegründet und diejenigen aufgerufen, die im Ausland waren, mitzuhelfen. Da habe ich mich angesprochen gefühlt.“ In Berlin hat er einen Abzweig der Partei gegründet und wurde der erste Parteipräsident der HDZ-Berlin.

„Unsere Aufgabe – wie die aller Kroaten auf der ganzen Welt – war es, der Freiheit eine Stimme zu geben, mit Geld und Gütern zu helfen und durch medizinische Versorgung das um seine Unabhängigkeit kämpfende Kroatien zu unterstützen.“

Inzwischen ist die Heimat meines Opas unabhängig geworden. Kroatien erklärte seine Unabhängigkeit am 25. Juni 1991. In den folgenden Jahren kam es zu blutigen Kriegen auf dem Balkan. Heute ist Kroatien jüngstes EU-Mitglied und gehört auch der Nato an. Was das für meinen Opa bedeutet? „Die Zugehörigkeit zum demokratischen Europa. Ich bin froh, dass es dazu gekommen ist, dass Kroatien frei und demokratisch ist.“ In der EU treffen sich beide Heimaten Zvonkos. „Die EU ist unsere Zukunft!“, meint er.

Ohne Sprache keine neue Heimat

„Ich habe sehr schnell viel gelernt.“ Seine Deutschkenntnisse erwarb er auf dem Bau von seinen deutschen Kollegen. Zuerst sprach er gebrochen, dann etwas besser und heute schließlich fließend. Nur vereinzelt unterlaufen ihm ein paar Grammatikfehler, wenn er im Redefluss ist. „Ich habe Wort für Wort Deutsch gelernt. Jeden Tag konnte ich etwas Neues auf Deutsch sagen.“ Er musste auch so schnell wie möglich die Sprache lernen und verstehen, schließlich war deutsch die Arbeitssprache. „Es ist mir nicht schwergefallen, deutsch zu lernen.“ Er habe keinen Sprachkurs belegt, nur zuhause sein Wörterbuch benutzt. „Mit der Zeit wurde ich besser und besser.“

Ohne Sprache funktioniert gar nichts. „In einem Land zu leben, dessen Sprache man nicht spricht, ist schwierig. Es ist, als wäre man taub und stumm. Das ist kein schönes Gefühl.“ Außerdem spielt die Sprache eine entscheidende Rolle bei der Integration. „Die Zugehörigkeit fängt mit der Sprache an, in der man sich verständigt.“ Mein Opa denkt heute viel auf deutsch. „Wenn ich mit Landsleuten unterwegs bin, kann ich aber schnell umschalten. Dann denke ich auch wieder auf kroatisch.“

„Ich liebe beide Länder. Etwas Besseres konnte mir mit Deutschland als neues Heimatland nicht passieren.“

Zwischen den Welten – Heimat suchen und finden

Nach meinem Opa prägt die eigene Herkunft das Heimatgefühl. „Wenn man lange außerhalb lebt, dann lässt der Einfluss der Herkunft nach. Die geografische Entfernung zwischen Deutschland und Kroatien ist nicht groß, Kontakte hat man, Besuche macht man, Leute kennt man. Das ist schön. Ich bin froh, dass ich zwei Heimaten habe. Wenn man mich fragt, was Heimat für mich ist, sage ich: Das ist der Ort, an dem ich mich wohlfühle. Heimat ist für mich ein Cocktail aus Erlebnissen, Erfahrungen, Erinnerungen und dem Ort an sich. Früher kannte ich nur Kroatien, das war meine Heimat.“ Mit den Jahren in Berlin zählt die Hauptstadt jetzt auch dazu.

„Wenn ich vom Weltall aus kommen würde und man würde mich fragen ‚Wo ist deine Heimat?‘, dann würde ich auf die Erde zeigen.“

Nicht immer hat er sich in Berlin heimisch gefühlt. „Ich hatte starke innere Tendenzen, wieder zurückzukehren in mein Herkunftsland.“ Dieser Wille habe sich entschärft, als seine Kinder eine eigene Familie in Berlin gegründet haben – und die Enkelkinder kamen. „Spätestens dann wusste ich, dass ich nicht zurück nach Kroatien möchte. Wenn, dann nur zeitweise – zum Urlaub, aber nicht, um dort dauerhaft zu leben.“ Er möchte nicht ohne uns – seine Familie, altwerden. „Meine Familie hat nur Vorteile in Deutschland. Meine Kinder und Enkelkinder sind in Deutschland zu Hause. In Deutschland erwartet sie und mich eine rosige Zukunft, die wir selbst mitgestalten können und wollen.“

Heimat in Deutschland zu finden, sei ein Prozess gewesen. „Es ging um Integration, aber nicht um Assimilation.“ Die Integration habe auch ihn zum Positiven verändert. Man muss bedenken, dass er erst in Deutschland richtig erwachsen geworden ist. „Hier in Deutschland gibt es grenzenlose Möglichkeiten und die habe ich für mich so gut es ging genutzt. Ich habe angenommen, was Berlin und Deutschland Positives hat – die Sprache, die Kultur, die Mentalität.“

Die deutsche und südliche Mentalität hält er für grundverschieden. „Deutsche Tugenden sind Pünktlichkeit, Ordnung, Fleiß und Sauberkeit. Das habe ich mir so schnell wie es mir möglich war angeeignet. Im deutschen Grundgesetz steht, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Das gefällt mir. Das heißt nämlich, dass wirklich jeder und jede gleich sind. Herkunft, Religion, und so weiter, das ist alles nicht wichtig.“

„Integration klappt nicht nur physisch.“ Innere Zerrissenheit zwischen dem Herkunfts- und neuen Heimatland werde vor allem dadurch begünstigt, wenn man von seinen engsten Familienmitgliedern getrennt lebt und das versucht, durch regelmäßige Besuche zu kompensieren. „Integration klappt dann, wenn die Migration in ein anderes Land bereits gewollt war.“

„Deutschland und ich – das ist eine große Liebe“, erzählt er mir lachend.

„Gemeinsam stark“ / Dijana Kolak

Es ist schön zu hören und zu spüren, wie glücklich er hier in Deutschland ist und dass er die Entscheidung nicht bereut, hier hergezogen zu sein. Gemeinsam mit meiner Großmutter hat er sich hier in Berlin ein Leben aufgebaut, von dem auch ich, zwei Generationen später noch profitiere.

Dieser Artikel ist für das journalistsiche Medienprojekt der Jugendpresse Deutschland verfasst worden: politikorange. Im Zuge der Redaktion zum #heimatkongress haben wir uns mit der Frage beschäftigt, was Heimat überhaupt bedeutet und wie verschiedene Menschen den Begriff unterschiedlich interpretieren.

 

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