Instagram abschalten?!
Instagram abschalten?!

Instagram abschalten?!

Unsere Generation kann das Gefühl vom Nichtstun nicht aushalten. Vor allem in der Corona-Zeit wirkt unser Handy fast wie ein Geschenk des Himmels. Früher oder später landen wir dann doch alle auf Instagram.

© Lena-Christin Stolte

Ehrlicherweise muss man sagen, dass Instagram über eine Vielzahl an Funktionen verfügt, womit es alle Kriterien eines sozialen Netzwerks erfolgreich erfüllt. Man kann schließlich Fotos und Videos bearbeiten und veröffentlichen, entscheiden, ob sein Profil nur auf Anfrage sichtbar wird (also privat ist) oder öffentlich ist. Über die Story-Funktion können andere einen durch den Tag begleiten, Live-Chats mit der Community sind möglich, ebenso wie das Chatten nur mit einer (oder mehreren Personen). Also ist Instagram eine Plattform auf der man Informationen über das Leben anderer findet und durch Likes und Kommentare eine Portion Selbstbestätigung bekommt. Die Beliebtheit Instagrams zeigt sich auch in Zahlen: Mehr als eine Milliarde Downloads hat die App im Playstore, in Deutschland hat die App etwa 15 Millionen Nutzerinnen und Nutzer. Allein im April 2020 haben die App etwa 5,4 Millionen Menschen weltweit heruntergeladen.

Es ist Sonntag. Der perfekte Tag, um sich zu entspannen, ein paar Hausaufgaben zu erledigen, rauszugehen, die Großeltern zu besuchen, Freunde zu treffen – es sei denn, es herrscht eine Pandemie. Sonntage bedeuten Ausschlafen, Entspannen, Lernen. Es ist viel zu tun: Die Präsentation für die fünfte Prüfungskomponente fürs Berliner Abitur gestaltet sich nicht von allein. Mein Schreibtisch: überhäuft von Abi-Lektüre. Anfangen? Ja, klar. Aber später. Ich checke mein Handy, wie bereits mehrere Male an diesem noch ereignislosen Tag. Zwei Instagram-Benachrichtigungen habe ich erhalten: eine Direktnachricht von meiner Schwester, die zwei Räume weiter sitzt, und eine Anfrage von einem Jungen von der Nachbarschule. Ich kenne ihn vom Sehen, er mich wahrscheinlich auch. Jetzt folgen wir uns – virtuell. Wenn wir uns mal über den Weg laufen sollten, werden wir uns aber wohl nicht begrüßen.

Ich verliere mich. Ich merke es und bin genervt von mir. Auf der Entdecken-Seite werden mir Memes angezeigt, ein paar melodramatische Sprüche und Texte, Fotos von schönen Menschen. Ich schmunzle, verziehe genervt das Gesicht und frage mich, ob sie auch in der Realität so gut aussehen. Wahrscheinlich. Ach, und hier noch ein Foto von der YouTuberin, die ich früher so toll fand. Was ist eigentlich aus ihr geworden? Von einem Profil geht es zum nächsten. Ein Ende ist nicht in Sicht. Der Algorithmus kennt mich aber auch einfach zu gut.

Was verbirgt sich eigentlich hinter diesem ominösen Algorithmus und warum weiß der immer so genau, was uns gefällt? Wikipedia sagt: „Ein Algorithmus ist eine eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems oder einer Klasse von Problemen. Algorithmen bestehen aus endlich vielen, wohldefinierten Einzelschritten.“ Das eindeutige Ziel von Instagram ist es, seine Nutzer*innen möglichst lange auf der Plattform festzuhalten. Das erreicht es, indem einem ein personalisierter Feed vorgeschlagen wird. Dabei ist das Nutzungsverhalten ausschlaggebend. Accounts, mit denen die nutzende Person in (virtueller) Beziehung steht, haben Vorrang. Häufigkeit, Aktualität, Interesse und Interaktion – das sind Kriterien, die der Instagram-Algorithmus beachtet. Kurz gesagt: Instagram beäugt jeden Klick, den wir machen, analysiert und speichert diese Klicks und zeigt uns ähnliche Beiträge an, damit wir bloß nicht das Interesse an der App verlieren. Wie ich merke, funktioniert das wirklich gut. Auch andere Apps bzw. Webseiten speichern personalisierte Daten. Das geschieht durch die sogenannten „Cookies“, also einer Datensammlung über persönliche Informationen, bezogen auf das Nutzungsverhalten.

Unter meinen Followern habe ich eine Umfrage gestartet. Ich wollte wissen, wie lange sie durchschnittlich auf Instagram aktiv sind, wofür sie es nutzen, was sie von der App halten und was sich durch die Corona-Pandemie an ihrem Nutzungsverhalten verändert hat. Knapp 60% haben am 21.03.2020 angegeben, dass sie lieber weniger Zeit auf Instagram verbringen würden. Am 18.04.2020, seit den Einschränkungen durch das Virus, haben 62% gesagt, dass sich ihre Nutzungszeit dahingehend verändert habe, dass sie nun mehr Zeit mit der App verbringen.

Hier ein Auszug aus den Antworten auf die gestellten Fragen:

„Ich versuche dadurch, meiner Langeweile zu entfliehen“, antwortet eine Freundin auf die Frage, inwiefern sich ihr Nutzungsverhalten durch die Pandemie verändert hat. Sie ist nicht die einzige, die ihre Langeweile nicht mehr aushalten kann. Viele schreiben mir und erwähnen den gleichen Aspekt. „Mir ist so langweilig, dass, wenn ich die App schließe, ich sie wieder nach 10 Sekunden öffne“, schreibt ein anderer. Warum können wir diese Langeweile nicht aushalten? Und es ist ja auch nicht so, als hätten wir nichts zu tun; für viele stehen die Abiturprüfungen an. Aber selbst, wenn nicht: So vieles ist sinnvoller, als sich die Zeit auf Instagram, einer App, die ein falsches Bild von der Realität zu vermitteln versucht, zu vertreiben. Aber vielleicht ist es gerade das. Diese Flucht in eine virtuelle Welt, um sich mit dem Jetzt nicht beschäftigen zu müssen. Eintauchen in ein Konstrukt, das so vielversprechend ist, dass man gar nicht merkt, wie schnell die Zeit vergeht. Um dann trotzdem versuchen, sich sein übermäßiges Nutzungsverhalten irgendwie schönzureden.

Bikinibilder auf Instagram © Luisa Sylaff (@luhaischa bei Instagram)

Ganz ungefährlich ist es auch nicht, sich übermäßig lange auf der App herumzutreiben. Schließlich wirken unzählige Einflüsse auf einen ein, bearbeitete und retuschierte Bilder, die wenig mit dem Original gemein haben. Die abgebildeten Personen erscheinen attraktiver und glücklicher als man selbst. Obwohl wir insgeheim vielleicht wissen, dass die Realität anders aussieht, können solche Bilder schon beeindrucken. Alle wirken schlanker und schöner, muskulöser und vermeintlich „mannlicher“ bzw. „weiblicher“. Das kann ein gesundes Verhältnis zu seinem eigenen Körper nachhaltig beeinträchtigen. Oftmals wird mit solchen Bildern ein bestimmtes Körperideal vermittelt, was sagt: „Du musst so aussehen, ansonsten bist du nicht schön“. Das perfide daran ist: In echt sieht kaum jemand so aus. Man sollte sich deswegen bewusst sein, dass die Bilder etwas darstellen, was in Realität auch anders aussieht und sich auch überlegen, welchen Kanälen man folgen möchte.

Instagram als Unterhaltung oder Inspiration – logisch. Das haben auch viele von euch bei der Umfrage angegeben. Aber sind wir mal ehrlich: Nach drei Stunden Nutzungsdauer täglich ist man wohl unterhalten und inspiriert genug. Und wozu inspiriert? Dazu, seine eigenen Aufgaben nicht zu schaffen? Irgendwann reicht es doch auch. Langeweile mal aushalten, Instagram für ein paar Tage verlassen und einen, wie es so stylisch heißt, „Insta-Detox“ machen. Mit Freunden videochatten, etwas kochen/backen, mal ein Buch lesen, sich die Nägel lackieren, Sport machen, lernen, einen Film schauen, das Zimmer umräumen (oder erstmal aufräumen), ausmisten, etwas malen oder schreiben, sich über ein Thema informieren, das einen wirklich interessiert, Aufgaben erledigen, das Gefühl von Produktivität haben, sich überwinden, … kurz gesagt: das Leben genießen.

© Luisa Sylaff (Instagram: @luhaischa)

Es ist Sonntag. Diesmal schalte ich mein Handy auf Flugmodus. Handy weg – Kopf an.

Anmerkung: Der Artikel ist, in leicht abgewandelter Form, erstmals in der 18. Ausgabe des FlugBlatts, der Schüler*innenzeitung des Lilienthal-Gymnasiums Berlin erschienen.