0,9er Abitur – Wie schafft man sowas?

Ein Gespräch mit Abiturient Alex aus Berlin

Ein Abiturergebnis unter 1,0 wird zwar auf eben diesen Schnitt gerundet, dennoch hat Alex so viele Punkte erreicht – 850 von 900 möglichen, dass er damit einen 0,94er-Schnitt hätte. Das heißt, dass er zwei Jahre lang Höchstleistung gezeigt hat. Wie er das geschafft hat, möchte ich von ihm wissen. An einem Sommernachmittag im Juni treffen wir uns deshalb in einem Berliner Park. Er sagt über sich selbst, dass er sich nicht zu ernst nimmt und ein lockerer Typ ist, was sich auch in unserem Gespräch bestätigt.

Bild des Abiturienten Alex. Er sitzt im Park und lacht in die Kamera.
Locker und lustig – so kennt man ihn.

Was es über Alex zu sagen gibt

Alex ist 18 und hat gerade als Jahrgangsbester seines Gymnasiums sein Abitur in Berlin mit einem Notendurchschnitt von 0,9 bestanden. Bereits mit acht Jahren wurde bei ihm an der Freien Universität Berlin eine Hochbegabung für Mathematik festgestellt. In seiner Freizeit verbringt er viel Zeit mit seinen Freunden, er betreibt Fitness- und Kraftsport. Im Herbst möchte er beginnen, Wirtschaftsingeneurwesen am Karlsruher Institut für Technologie zu studieren. Und das, obwohl er bereits bei mehreren marktführenden Automobil-Konzernen für ein Duales Studium angenommen wurde.

Sein (glänzender) Weg zum Abitur

In der Mittelstufe gehörte Alex zu den „Problemkindern“. Er sei zwar nicht der schlimmste gewesen, aber „Mist gebaut“ habe er schon. „Den harten Strafen konnte ich aus dem Weg gehen“, sagt er. Fragile Freundschaften, Gruppenzwang und der Wille, im sozialen Gefüge aufsteigen zu wollen, hätten dazu geführt, dass er Erfahrungen damit gemacht hat, andere auszugrenzen. Er betont: „Ein richtiger Mobber war ich nie.“ Wirklich aufmerksam war er im Unterricht auch nicht gewesen. Dennoch hatte er immer einen guten Notendurchschnitt: im mittleren Einser-Bereich. „Ich wusste, dass ich mich auch anders verhalten kann.“

In der Oberstufe packte ihn aber sein Ehrgeiz: Er wollte sein Potenzial ausschöpfen. „In der Mittelstufe habe ich einen guten Schnitt erzielt – obwohl ich Scheiße gebaut habe und während des Unterrichts unaufmerksam war. Mich hat es interessiert, wo ich bei rauskomme, wenn ich mich voll und ganz auf den Unterricht konzentriere.“

In den ersten beiden Semestern habe er am meisten gelernt, im letzten Schuljahr deutlich weniger. Dennoch waren seine Ergebnisse in der 12. Klasse sogar noch besser. In dem ersten Jahr der Kursphase habe er den Unterricht vor- und nachbereitet, sich jeden Abend nochmal für ein paar Minuten hingesetzt, um den Unterrichtsstoff zu wiederholen. Auch Hausaufgaben habe er sehr ausführlich gemacht. „Am Anfang waren die sehr guten Noten schon motivierend“, meint er.

Alex hat sich im dritten und vierten Semester schon auf die Vorstellungsgespräche bzw. Auswahltests bei großen Automobil-Herstellern vorbereitet. Obwohl er (Stand jetzt) keine seiner Zusagen wahrnehmen wird, waren diese Gespräche eine wertvolle Erfahrung für ihn, da sie ihn in seiner persönlichen Wirkung auf andere wie in seinem Können bestätigt haben.

Sich selbst Druck machen

„Mir wurde eingetrichtert, dass Schule sehr wichtig ist. Schon früh habe ich mich mit älteren Leuten unterhalten, die mir gesagt haben: „Hätte ich in der Schule mal mehr Gas gegeben. ““ Seine Eltern hätten zwar nie direkt Druck gemacht, ihm aber dennoch aufgezeigt, welche Bedeutung die Schulbildung doch hätte. „Meine Eltern haben mich nie unter Druck gesetzt, mich aber auch nicht motiviert. Das hab immer ich selber gemacht.“ NCs an Unis sorgten dafür, dass er Druck verspürte und wusste: Schule ist wichtig für seine eigene Zukunft.

„Wenn man sich selbst den Druck macht, kann man den auch temporär mal wegnehmen. Wenn Eltern einem Druck machen, dann ist das permanent. Ich bin vor Klausuren immer das Worst-Case-Szenario durchgegangen, um dieser Stresssituation zu entgehen. Damit kann man sich kurzzeitig – meiner Meinung nach, entspannen.“

Sein Schlüssel zum guten Schulabschluss

„Viele denken, dass man so einen Schnitt nur schaffen kann, wenn man richtig viel lernt. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Man braucht einen Ausgleich und muss Spaß an der Schule haben.“ Fitness, Freunde treffen, Feiern gehen – das bedeutet für Alex Ausgleich neben der Schule. „Man darf nicht nur lernen. Die Balance zwischen Schule und Freizeit, in der man abschalten kann, ist enorm wichtig.“

„Man muss auch anpassungsfähig sein. Damit meine ich, dass man die Anforderungen der Lehrkraft erkennen und bedienen muss. Die Methodik zu verstehen, ist viel wichtiger, als den Inhalt perfekt zu beherrschen.“

Da die mündliche Mitarbeit in Leistungskursen zur Hälfte und in Grundkursen zu zwei Dritteln zählt, ist es offensichtlich, dass man seinen Fokus im Unterricht darauflegen sollte. Eine konstante und qualitative Mitarbeit und dauerhafte Konzentration auf die Unterrichtsinhalte sei unabdinglich, findet Alex. Das sind Grundvoraussetzungen für einen erfolgreichen Schulabschluss.

In den Fächern, die ihm nicht so liegen, wie beispielsweise Kunst, strengte er sich besonders an. Er fokussierte sich auf die Unterrichtsinhalte, die Fleiß erforderten, denn ihm war bewusst, dass er in den kreativeren Aufgaben weniger leicht punkten würde.

Äußere Einflüsse seien weitaus weniger wichtig, als die innere Motivation, meint Alex. Man müsse sich Aspekte im Unterrichtsstoff suchen, die einem Spaß machen bzw. mit denen man sich selbst identifizieren kann. „Mir hat es total geholfen, immer etwas Positives zu suchen, um motiviert zu bleiben.“ Ein Beispiel hat er auch: Gedichtsanalysen in Deutsch. Deutsch sei nie sein Lieblingsfach gewesen, aber in der Oberstufe fand er es faszinierend, wie man den Inhalt eines Gedichtes erfassen kann – mittels der Analyse und Interpretation. „Ich fand die Komplexität dieser Analysen interessant und außerdem den Fakt, dass jede*r für sich bestimmte Aspekte des Gedichts anders wahrnimmt.“ Zu seinem sehr guten Abschluss hat er, wie auch die anderen 1,0er Kandidatinnen, ein Gedichtsbuch von Hermann Hesse bekommen. Seine Meinung dazu: „Na jetzt muss ich es mir auch nicht mehr gut reden.“ (lacht). Lieber lese er jetzt in seiner Freizeit Fachbücher über Psychologie, Gesellschaft, Wirtschaft und Technik.

„Einer der wichtigsten Punkte für meinen guten Abschluss ist meine Selbstkritik. Ich hinterfrage mich stark – auch, wenn ich sehr gute Leistungen erbringe.“ Wenn man negativer über seine Leistungen denkt, sporne dies einen an, findet Alex. „Ich bin nicht leicht zufriedenzustellen mit meinen Leistungen. Immer finde ich noch etwas, wo ich mir denke, das hättest du besser machen können.“ Das sieht er als Ansporn.

Der Vergleich mit anderen, die etwa gleich gut sind – das sei eine Orientierung, um die eigenen Leistungen einzuordnen. „Das ist einfach eine Bestätigung, wenn man besser ist. Eine Bestätigung, dass man gute Leistungen erbracht hat.“ Schadenfreude gab es aber nicht, wenn der andere schlechter war.

Außerdem dürfe man die Schule nicht zu ernst nehmen.  „Auch in Vorstellungsgesprächen, also in für mich wichtigen Situationen, war ich locker und humorvoll gegenüber den Personalern und im Feedback wurde das gelobt. Außerdem wusste ich auch, dass ich keinen absoluten Topschnitt brauche – egal, welchen Weg ich nach der Schule einschlage.“

Der persönliche Vorteil

„Es fällt mir leicht, gut und schnell zu lernen.“ In Kombination mit seiner Mathematik-Begabung ist Alex definitiv privilegierter als viele anderer SchülerInnen. „Ich habe mich aber nie dadurch bestätigt gefühlt, dass ich intelligenter bin als andere, weil ich dafür ja nichts kann.“

„Ich habe den Vorteil, dass es mir leichtfällt, komplexe (mathematische) Zusammenhänge zu verstehen. Logisches Denken hilft einem überall.“

„Ich bin jemand, der es sich immer selber beweisen will.“

Seine Selbstkritik habe ihm auf seinem bisherigen Weg sehr geholfen. „Ich bin nicht einfach durch meine erbrachten Leistungen zufriedenzustellen. Selbstkritik ist für mich ein Mittel, um noch besser zu sein.“ Aber er hinterfrage nicht alles und ist trotzdem selbstbewusst und überzeugt von sich. Wer ihn in dieser Hinsicht besonders geprägt hat? Von seinem Vater habe er sein selbstbewusstes und offenes Auftreten gegenüber anderen.

Ob er je zufrieden mit sich sein wird? „Das glaube ich nicht. Aber das ist auch gut so. Unzufriedenheit treibt Entwicklungen an. Es muss so langweilig sein, zufrieden mit sich zu sein.“ Dennoch schaue er häufig zurück auf vergangene Ergebnisse und klopft sich metaphorisch auf die Schulter. „Immer pessimistisch und unzufrieden zu sein, das macht einen glaube ich kaputt. Es ist wichtig, eine Balance zwischen Unzufriedenheit und Zufriedenheit zu haben.“ Tief in ihm drin, ist er aber sehr selbstbewusst und -sicher. Den Großteil seines Glücks schöpfe er schließlich daraus, dass er selbst stolz auf sich ist. Dafür nimmt er Situationen an, die Mut erfordern, wie zum Beispiel die Moderation einer Podiumsdiskussion. Dazu sagt er: „Ich bin jemand, der es sich immer selber beweisen will. Ich suche die Herausforderung und bin enttäuscht von mir, wenn ich sie nicht annehme.“

Über das Schulsystem: „Schule ist praxisorientiert!“

„Natürlich wäre ein kreativerer Ansatz, mehr Projektarbeit zum Beispiel, wie man die Unterrichtsinhalte vermittelt, wünschenswert. Allerdings muss man auch hervorheben, wie unglaublich praxisorientiert der Unterricht gestaltet ist. Das Mathebuch besteht zum Beispiel fast nur aus Anwendungsaufgaben. Im Studium wird das anders sein.“

„Informatik sollte es als verpflichtendes Fach geben.“

Er kann es nicht verstehen, dass er ein künstlerisches Fach in der Oberstufe belegen müsse, aber nichts über Wirtschaft in einem separaten Fach lerne, wobei dies doch für unsere Zukunft wichtig sei.

„Bitte kein Foto machen“ / Dijana Kolak

„Den Fokus auf die richtigen Freunde legen“

Soziale Kontakte; Beziehungen und Freunde machen glücklicher als das stumpfe Erbringen von guten Leistungen, Geld und Karriere – das findet auch Alex. „Man muss den Fokus auf die richtigen Freunde legen und auf keinen Fall versuchen, mit allen gut zu sein.“

Auf sozialkompetenter Ebene findet Alex, „dass das Umfeld in der Schule einen schon dazu treibt, sich so zu verhalten, wie es einem eigentlich nicht entspricht.“ Aber eine Lösung sieht er nicht: „Das ist wahrscheinlich einfach so bei pubertierenden Jugendlichen.“ Gruppendynamiken können aber die persönliche Entwicklung wirklich gefährden, finden wir beide. Wie man da rauskommt? „Man sollte sich auf ein bis zwei richtige Freunde fokussieren und auf keinen Fall versuchen, mit allen gut sein zu wollen.

„Je älter man aber wird, desto eher scheißt man auf die Meinung anderer.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, richtig Karriere zu machen.“

Auf keinen Fall möchte Alex in Berlin studieren. Lieber möchte er an eine Top-Uni und sich in einer neuen Stadt ein neues soziales Umfeld aufbauen – er suche eben die Herausforderung. „Man muss aus seiner Komfortzone herauskommen. Es kann nur hilfreich sein, sich ein neues soziales Umfeld woanders aufzubauen und sich charakterlich weiterzuentwickeln.“ In Karlsruhe verspricht er sich einen Neuanfang, der ihn auch karrieretechnisch nach vorne bringen soll.

„Ich bin sehr familienverbunden, weswegen ich mir nicht vorstellen kann, die ganz große Karriere zu machen.“ Sein Privatleben möchte er definitiv neben Karriere behalten. Niemals möchte er, dass seine familiären Beziehungen unter seinem Beruf arg leiden. Außerdem möchte er selbst später auch eine Familie gründen und sich Zeit für diese nehmen.

Auf geht´s!

Es ist sehr inspirierend, mit solch begabten und ambitionierten Menschen zu sprechen, wie mit Alex. Er hat noch sehr viel vor in seinem Leben, aber mit seinem exzellenten Abschluss, seinem Ehrgeiz und seiner Intelligenz stehen ihm alle Türen offen.

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